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Diese Internet-Seite wurde erstmals 2007 veröffentlicht. Die erste Version enthielt sogar einen Link zu einer Musik-Seite, den ich allerdings schleunigst wieder gestrichen hatte. Nicht weiß, sondern weg.
Der Grund dafür war nicht, dass ich sie (die Seite) für völlig unpassend gehalten hätte, sondern einfach, weil ich davon nichts verstehe. Verstehen Sie mich ? Ich weiß nicht, wie viele Saiten eine Bratsche hat, spiele keine Instrumente - ausgenommen CD-Player und Murmeln (das auch nur selten und zumeist unverständlich) - und kann aus dem Stand heraus nur diesen Liedtext auswendig aufsagen:

When did my youth,
sweet and free,
suddenly slip away from me ?
Was it so long ago ?
Where did my childhood go ?

Also war sie so schnell weg, wie sie erstellt worden war. Doch jetzt zum Prinzipiellen. Egal, ob mit oder ohne Musik. Was wollte ich bloß mit einer Internet-Seite ? Was versprach ich mir davon ? Ich weiß bis heute nicht, was mich denn eigentlich geritten hatte, diesen Schritt zu tun: Wollte ich einige Sachen vor dem Vergessen bewahren ? Wollte ich für mich selbst das mir Wichtige aufschreiben, festhalten ? Irgendwie kam mir vor, es könnte auch andere Leute interessieren. Ich kann es (immer noch) nicht sagen. Meine Beweggründe sind mir selbst nicht klar.
Ich hatte jedoch einmal die Gelegenheit, mit einem klugen Kopf zu sprechen. Sie meinen, das sei nun nicht so außergewöhnlich. Ich halte es sogar für sehr außergewöhnlich, wenn man ihre Anzahl bedenkt und die Wahrscheinlichkeit, einen solchen anzutreffen. Was palaverten wir ? Nun, er fragte, ob ich nicht auch der Meinung sei, dass alle diese Künstler nur ihrem Egoismus, nur ihrer überspannten Selbsteinschätzung es verdanken würden, dass noch heute über sie geschrieben und gesprochen wird. Er (der Kopf) meinte, es würde sich im Wesentlichen um eine Bande umtriebiger Wichtigtuer handeln, die vermeinten, mit einem Wort, einem Satz die Welt erklären zu können. Wir – die ganze Horde eifrig beschäftigt tuender Zwerglein – könnten ja gar nicht die Wunder der Natur und die Schönheiten der Welt abbilden, beschreiben oder darstellen. Man solle sich, wenn man auch nur halbwegs gescheit sei, der Beobachtung hingeben. Und zum Beobachten gäbe es eindeutig eine ganze Menge.
Man möge den Kopf gerade, die Finger ruhig und den Mund geschlossen halten, die Augen aber öffnen, so sagte er, der kluge Kopf.

Der geschätzte Leser wird nun verstehen, wie niedergeschlagen und schwer nach Atem ringend ich mich nach diesem Gespräch wiederfand. Es war schon etwas dran an dem Ganzen, das konnte man nicht leugnen. Und dennoch ... Nach einer zweiundsiebzigstündigen Phase des Nachdenkens konnte ich dem schlauen Kerl nicht mehr völlig zustimmen. Es mag sein, dass vieles in der Natur, manches auf der Welt so unbeschreiblich ist, dass jeder Versuch einer Definition dieser Wunder als blanke Herausforderung an die Einzigartigkeit zum Scheitern verurteilt sein muss. Dennoch wäre die Welt um vieles ärmer, wenn es diese Leute nicht gegeben hätte, wenn sie ihrem Talent niemals nachgegangen und sich den Teufel darum geschert hätten. Die Welt wäre dumpf  und leer !
Wenn Conrad seinen ‚Jim’ nicht geschrieben hätte ? Was hätten wir verpasst ! Wenn Hemingway nicht „... und ging im Regen ins Hotel zurück“ geendet hätte, wir würden ganz einfach im Regen stehen – und nichts Tragisches dabei finden. Wenn Maupassant uns nicht von der unendlichen Liebe einer Krickente  erzählt hätte - was würden wir über die Liebe wissen ? Und wer sonst als Saroyan hätte ganz schlicht ‚... und Jugend’ und so viel damit gesagt ?

Gott sei Dank waren sie da. Gott sei Dank waren sie überheblich genug, versuchen zu wollen, ihre Gedanken zu Sätzen zu verdichten. Gott sei Dank gab es sie.
Sie wissen es jetzt: Der Schreiber dieser Zeilen ist nicht auf den Parties moderner Literaten zu finden. Er pflegt eine gewisse Distanz zu ambitionierten Frischlingen, die meinen, die deutsche Sprache im einundzwanzigsten Jahrhundert neu erfinden zu müssen. Er stellt sich kein Buch in den Schrank, das man (gerade heute) eben gelesen haben muss, weil darüber gesprochen oder berichtet wird. Er schüttelt den alten Runzelkopf, wenn der oben Erwähnte, der mit den dunklen Tüpfchen, glaubt, die Welt habe auf seine literarischen Ergüsse, Verballhornungen und Verrenkungen gewartet. Er hat nichts gegen das Neue. Er wartet ab, was so kommt. Es gibt ja immer wieder Ausnahmen. Er weiß, dass alles Sinn macht, wenn man es denn besser, präziser, bewegender, schöner, ehrlicher tut oder schreibt.