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Biographie II; Seite 1
Conrad (wir wollen ihn ab jetzt Conrad mit C nennen; seine Kindheit als kleiner Konrad lag hinter ihm) hatte in Polen nicht wirklich etwas zurückgelassen, das ihm erhaltenswert erschien. Wohl war sein Verhältnis zu seinem Onkel Tadeusz sowie zu seiner Großmutter Teofila Bobrowska und zu anderen Verwandten vertraut und gut, andererseits hatte er keine richtige Familie mehr, kaum Freunde, eine Schule, die ihn wenig bis gar nicht interessierte und überdies lag die Einberufung zum russischen Militär in der Luft.
Er erreichte Marseille also als junger, völlig freier Mensch, und ohne Lasten. Manche Leute meinten zwar, man könne behaupten, er habe sein Land im Stich gelassen. Nur, sein Land gab es eigentlich gar nicht. Es war eine russische Kolonie gewesen, wenn man so will, die er verlassen hatte. Er war nur seinen eigenen Weg gegangen, und dieser Weg hatte ihn eben nach Südfrankreich geführt. Etliche Kritiker glauben auch zu wissen, die Tatsache, dass viele von Conrad's späteren Werken sich mit Verrat, Treue und Schuld beschäftigen, sei ein Beweis dafür, dass er selbst dem Verlassen seines Heimatlandes einen ähnlichen Rang zuordnete. Dem kann zwar nicht hundertprozentig widersprochen werden, es ist aber auch nicht sehr wahrscheinlich.
Die Themen von Verrat und Treue sind sicherlich ebenso äußerst schwerwiegende Faktoren, wenn es um das Leben auf See geht - Conrad's neuem Leben - und dem Leben, das er für die nächsten zwanzig Jahre führen sollte. Auf See ist das Sich-Verlassen-Können auf den anderen ein zentraler Punkt, ohne den es vermutlich keine funktionierende Seefahrt gäbe. Viel mehr noch als an Land ist man dem anderen direkt - und auch körperlich sehr nahe - ausgeliefert und das Verhalten des Kameraden ist ein entscheidender Punkt im Funktionieren des seemännischen Betriebes. Nicht wenige ursprünglich von der Seefahrt begeisterte junge Leute hatten nach kurzer Zeit die Nase voll davon, nicht etwa wegen Wind und Wellen, sondern wegen dem (bisweilen) treulosen oder schuldhaften Verhalten ihrer Kameraden. Conrad fand hier wohl ein reiches Repertoire an Verhaltensmustern, das er in seinen Büchern einbringen konnte. Wie auch immer. In seiner Autobiographie 'Über mich selbst' schrieb er:

'.... Ach ! Ich bin der Überzeugung, dass es Männer von fleckenloser Rechtschaffenheit gibt, die bereit sind, verachtungsvoll das Wort Fahnenflucht zu murmeln. So kann einem der Geschmack an unschuldigen Abenteuern verdorben werden ... der Vorwurf der Treulosigkeit sollte niemals leichtfertig erhoben werden ...'

Tadeusz Bobrowski hatte Conrad freilich nicht gänzlich schutzlos in die Fremde entlassen. Er hatte vorher in eiligen Depeschen Kontakt mit der französischen Marine in Marseille aufgenommen und um wohlwollende Aufnahme seines Schützlings gebeten. So hatte Conrad zumindest eine erste Anlaufstelle, ein erstes Ziel. Die Tatsache, dass er bereits leidlich gut Französisch sprach, half ihm ebenfalls.
Der erste Freund in Frankreich begegnete ihm in Gestalt des Lotsen Baptistin Solary.  Auf dessen Schiff schnupperte er erstmals richtige Seeluft, obgleich die Fahrten naturgemäß den kurzen Fahrten eines Lotsen zwischen Reede und Hafen entsprachen. Dennoch scheint Conrad diese ersten Wochen in Marseille durchaus genossen zu haben. Auch seine Aufenthalte in den charmanten Cafès und Bistros einer südlichen Stadt schienen ganz nach seinem Geschmack zu verlaufen, was etliche eilige Sonderzahlungen seines Onkels belegen. Conrad's Lieblingsplatz war das 'Café de l'Univers' von Monsieur Boyer, in dem viele Maler und Literaten verkehrten.

Joseph Conrad; ca. 1883