Guy de Maupassant
(eigentlich: Henry René Albert Guy de Maupassant)
geboren am 5.8.1850 auf Schloss Miromesnil (Normandie); gestorben am 6.7.1893 in Passy bei Paris

Guy de Maupassant wuchs in Fécamp (Normandie) auf. Sein Vater verlor ein beachtliches Vermögen durch seinen allzu großzügigen Lebensstil sowie mit etlichen Affären. 1859 trennten sich die Eltern und die Mutter zog mit Guy und seinem jüngeren Bruder Hervé nach Étretat. Maupassant wurde mit 17 von der Schule verwiesen, weil er ein 'freches Gedicht' geschrieben hatte. Danach kam er auf ein Gymnasium in Rouen, wo er weitere literarische Versuche unternahm. Er studierte Rechtswissenschaften, schloss das Studium aber nicht ab, sondern nahm am französisch-preußischen Krieg teil. Während der nächsten Jahre machte er viele Damenbekanntschaften, die er später in seinen Novellen halb autobiographisch festhielt. Ab 1872 arbeitete er im Marine- und Unterrichtsministerium. Diese Tätigkeit behagte ihm jedoch ganz und gar nicht. Er lernte Flaubert, Turgenew und Henry James kennen. Als Kriegsberichterstatter reiste er auch nach Tunesien. Schon zu seinen Lebzeiten hatte er großen finanziellen Erfolg mit seinen rund 300 Novellen, 6 Romanen, 3 Reiseberichten und einem Gedichtband. Neben der reinen Schriftstellerei schrieb er auch regierungskritische Artikel für Zeitungen. In seinen späteren Lebensjahren litt er an Sehstörungen und Halluzinationen, die vermutlich durch Drogenkonsum hervorgerufen wurden. Seine Werke aus dieser Zeit wurden immer düsterer. Am 2. Januar 1892 unternahm er in Cannes einen Selbstmordversuch. Maupassant wurde daraufhin in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, wo er 1893 in geistiger Umnachtung starb.

Einige Werke:

Boule de suif, 1880
La Maison Tellier, 1881
Mademoiselle Fifi, 1882
La Légende du Mont-Saint-Michel, 1882
Clair de Lune, 1883
Contes de la Bécasse, 1883
Une Vie, 1883
Yvette, 1884
Un fou ?, 1884
Au soleil, 1884
La Parure, 1884
Bel-Ami, 1885
Le Diable, 1886
Monsieur Parent, 1886
La Petite Roque, 1886
Mont-Oriol, 1887
Le Horla, 1887
Pierre et Jean; 1888
Fort comme la mort, 1889
Notre Coeur, 1890
posthum: Le Penner Ignor, 1895



Mehrere Tage hintereinander hatten Trümmer der geschlagenen Armee die Stadt durchzogen. Es war keine Truppe mehr, es waren zersprengte Horden. Die Männer trugen lange, schmutzige Bärte, zerfetzte Uniformen, und sie schleppten sich schlaff, ohne Fahne, ohne Ordnung. Alle wirkten gehetzt, bedrückt, zu keinem Gedanken, zu keinem Entschluss fähig, sie marschierten nur noch aus Gewohnheit und fielen vor Müdigkeit hin, sobald sie haltmachten. Man sah vor allem die Mobilisierten, friedfertige Leute, ruhige Rentner, gebeugt unter der Last des Gewehrs; kleine, hurtige Mobilgardisten, leicht abgeschreckt und rasch begeistert, bereit zum Angriff wie zur Flucht, und dann in ihrer Mitte ein paar Rothosen, Überreste einer in einer
großen Schlacht aufgeriebenen Division, Artilleristen in dunklen Uniformen, in einer Reihe mit Infanteristen verschiedener Truppenteile, und hin und wieder den leuchtenden Helm eines Dragoners, der Mühe hatte, mit seinem schweren Schritt dem leichteren Gang der Linientruppen zu folgen.

Guy de Maupassant; aus der Novelle 'Boule de Suif'; Copyright Manesse Verlag


Ich liebe das Meer im Dezember, wenn die Fremden fort sind; aber ich liebe es natürlich ohne Überschwang. Ich habe mich eben drei Tage in einem der Orte aufgehalten, die man Badeorte nennt. Das Dorf, vor kurzem noch so voll von Pariserinnen, so lärmend, so heiter, hat jetzt nur noch seine Fischer, die in Gruppen vorübergehen, mit schweren Schritten, in den hohen Stiefeln, den Hals mit einem Wolltuch umwickelt, in der einen Hand einen Liter Schnaps, in der andern die Schiffslaterne. Die Wolken kommen vom Norden und ziehen hastig über einen finstern Himmel; der Wind weht. Die großen braunen Netze sind auf dem Sand ausgebreitet, bedeckt mit allerlei Plunder, den die Welle ausgespien hat. Und der Strand wirkt kläglich, denn die zarten Schuhe der Frauen hinterlassen dort nicht mehr die tiefen Löcher der hohen Absätze. Das Meer, grau und kalt, von Schaum gesäumt, hebt sich und senkt sich über diese verlassene, grenzenlose düstere Küste.
Wenn der Abend anbricht, kommen alle Fischer zur selben Stunde. Lange gehen sie um die gewölbten Boote, die wie schwere, tote Fische auf dem Trockenen liegen; sie versorgen ihre Netze darin, ein Brot, ein Topf mit Butter, ein Glas, und dann schieben sie das Schiff auf seinem Kiel ins Wasser, und bald wiegt es sich, öffnet seine braunen Schwingen und verschwindet mit einem kleinen Licht an der Spitze des Mastes in der Nacht. Scharen von Frauen warten, bis der letzte Fischer fort ist, und dann kehren sie in das schlafende Dorf zurück, und ihre Stimmen stören die schwere Stille der öden Straßen auf.


Guy de Maupassant; aus der Novelle 'Strandgut'; Copyright Manesse Verlag