Ich schlürfte die Würze des salzigen Dunstes; sie drang mir bis in die Fingerspitzen. Ich sah nach dem Horizont. Vor uns schien sich etwas Graues, noch verschwommen in der wachsenden Dämmerung, gewissermaßen eine Häufung seltsam geformter, spitziger, zackiger Berge, auf das Meer zu legen.
Dann wurde es deutlicher, die Formen zeichneten sich klarer auf dem heller werdenden Himmel ab; eine lange Reihe bizarr geformter Berge erhob sich steil vor uns - Korsika, eingehüllt wie in einen leichten Schleier.
Der Kapitän, ein kleiner, alter Mann, sonnverbrannt, ausgedörrt, eingeschrumpft, verknöchert durch die harten, salzigen Winde, erschien auf dem Verdeck, und mit einer in dreißig Jahren auf der Kommandobrücke eingerosteten, vom Schreien gegen den Sturm verbrauchten Stimme fragte er mich:
"Riechen Sie es, das arme Luder drüben ?"
Und wirklich spürte ich einen seltsamen, starken Geruch von Pflanzen, von wilden Düften.
"Das ist Korsika", fuhr der Kapitän fort, "das so riecht. Und wenn ich zwanzig Jahre fern wäre, würde ich es auf fünf Meilen erkennen. Ich bin von dort, Madame. Der unten in Sankt Helena sprach immer von dem Geruch seines Landes. Er war aus meiner Familie."
Und der Kapitän zog den Hut, grüßte Korsika, grüßte dort drüben im Unbekannten den Kaiser, der aus seiner Familie war.
Guy de Maupassant; aus der Novelle 'Hochzeitsreise'; Copyright Manesse Verlag
Mehrere Tage hintereinander hatten Trümmer der geschlagenen Armee die Stadt durchzogen. Es war keine Truppe mehr, es waren zersprengte Horden. Die Männer trugen lange, schmutzige Bärte, zerfetzte Uniformen, und sie schleppten sich schlaff, ohne Fahne, ohne Ordnung. Alle wirkten gehetzt, bedrückt, zu keinem Gedanken, zu keinem Entschluss fähig, sie marschierten nur noch aus Gewohnheit und fielen vor Müdigkeit hin, sobald sie haltmachten. Man sah vor allem die Mobilisierten, friedfertige Leute, ruhige Rentner, gebeugt unter der Last des Gewehrs; kleine, hurtige Mobilgardisten, leicht abgeschreckt und rasch begeistert, bereit zum Angriff wie zur Flucht, und dann in ihrer Mitte ein paar Rothosen, Überreste einer in einer
großen Schlacht aufgeriebenen Division, Artilleristen in dunklen Uniformen, in einer Reihe mit Infanteristen verschiedener Truppenteile, und hin und wieder den leuchtenden Helm eines Dragoners, der Mühe hatte, mit seinem schweren Schritt dem leichteren Gang der Linientruppen zu folgen.
Guy de Maupassant; aus der Novelle 'Boule de Suif'; Copyright Manesse Verlag
Ich liebe das Meer im Dezember, wenn die Fremden fort sind; aber ich liebe es natürlich ohne Überschwang. Ich habe mich eben drei Tage in einem der Orte aufgehalten, die man Badeorte nennt. Das Dorf, vor kurzem noch so voll von Pariserinnen, so lärmend, so heiter, hat jetzt nur noch seine Fischer, die in Gruppen vorübergehen, mit schweren Schritten, in den hohen Stiefeln, den Hals mit einem Wolltuch umwickelt, in der einen Hand einen Liter Schnaps, in der andern die Schiffslaterne. Die Wolken kommen vom Norden und ziehen hastig über einen finstern Himmel; der Wind weht. Die großen braunen Netze sind auf dem Sand ausgebreitet, bedeckt mit allerlei Plunder, den die Welle ausgespien hat. Und der Strand wirkt kläglich, denn die zarten Schuhe der Frauen hinterlassen dort nicht mehr die tiefen Löcher der hohen Absätze. Das Meer, grau und kalt, von Schaum gesäumt, hebt sich und senkt sich über diese verlassene, grenzenlose düstere Küste.
Wenn der Abend anbricht, kommen alle Fischer zur selben Stunde. Lange gehen sie um die gewölbten Boote, die wie schwere, tote Fische auf dem Trockenen liegen; sie versorgen ihre Netze darin, ein Brot, ein Topf mit Butter, ein Glas, und dann schieben sie das Schiff auf seinem Kiel ins Wasser, und bald wiegt es sich, öffnet seine braunen Schwingen und verschwindet mit einem kleinen Licht an der Spitze des Mastes in der Nacht. Scharen von Frauen warten, bis der letzte Fischer fort ist, und dann kehren sie in das schlafende Dorf zurück, und ihre Stimmen stören die schwere Stille der öden Straßen auf.
Guy de Maupassant; aus der Novelle 'Strandgut'; Copyright Manesse Verlag