Edgar Allan Poe
wurde am 19.1.1809 in Boston / Massachusetts als Sohn der Schauspieler Elizabeth und David Poe geboren. Sein Vater verließ die Familie im Jahr 1810. 1811 starb seine Mutter nach längerer Krankheit. Poe wurde vom Ehepaar Frances und John Allan aufgenommen, jedoch nicht adoptiert. Die Jahre von 1815 bis 1820 verbrachte er mit seiner neuen Familie in Schotland. Nach dem Tod eines Onkels erbte sein Ziehvater ein beträchtliches Vermögen, woraufhin auch Poe mit dem Gedanken spielte, sein Ziehvater könnte ihm einmal ein großes Vermögen hinterlassen. Im Alter von 17 Jahren schrieb er sich auf der Universität von Virginia in Charlottesville ein. Später kam es zu einem Zerwürfnis mit seinem Ziehvater, der nicht bereit war, für seine Spiel- und sonstigen Schulden aufzukommen. Poe begann zu schreiben. Beim Preisausschreiben einer Zeitung gewann er den ausgesetzten Hauptpreis von 50 Dollar. Er lebte später in Philadelphia und New York, schrieb für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er hatte früh mit dem Trinken begonnen und feierte regelrechte Alkoholexzesse, wenn das nötige Geld vorhanden war. Als Vortragender und Rezitator erwarb er sich jedoch einen guten Ruf. Auch viele Geschichten und Artikel, die er für Zeitungen schrieb, erregten beträchtliches Aufsehen. Er starb am 7.10.1849 im Alter von nur vierzig Jahren, von einer Vortragsreise kommend, verwahrlost in Baltimore / Maryland.
Werke:
Metzengerstein, 1831
Die Flaschenpost, 1833
Die Verabredung, 1835
Berenice, 1835
Morella, 1835
König Pest, 1835
Ligeia, 1838
Der Untergang des Hauses Usher, 1839
Der Mann in der Menge, 1840
Der Doppelmord in der Rue Morgue, 1841
Ein Sturz in den Mahlstrom, 1841
Eleonora, 1841
Das ovale Porträt, 1842
Die Grube und das Pendel, 1842
Die Maske des roten Todes, 1842
Der Goldkäfer, 1843
Das verräterische Herz, 1843
Der schwarze Kater, 1843
Der entwendete Brief, 1844
Die längliche Kiste, 1844
Gespräch mit einer Mumie, 1845
Der Fall Valdemar, 1845
Die Sphinx, 1846
Eureka, 1848
Annabel Lee, 1849
Das blaue Zimmer war es, in dem der Prinz stand, umgeben von einer Gruppe bleicher Höflinge. Sein Befehl brachte Bewegung in die Höflingsschar, als wolle man den Eindringling ergreifen, der gerade jetzt ganz in der Nähe war und mit würdevoll gemessenem Schritt dem Sprecher nähertrat. Doch das namenlose Grauen, das die wahnwitzige Vermessenheit des Vermummten allen eingeflößt hatte, war so stark, daß keiner die Hand ausstreckte, um ihn aufzuhalten. Ungehindert kam er bis dicht an den Prinzen heran - und während die ganze Versammlung, zu Tode entsetzt, zur Seite wich und sich in allen Gemächern bis an die Wände zurückzog, ging er unangefochten seines Weges, mit den nämlichen, feierlichen und gemessenen Schritten wie zu Beginn. Und er schritt von dem blauen Zimmer in das purpurrote - von dem purpurroten in das grüne - von dem grünen in das orangefarbene - und aus diesem in das weiße - und weiter noch in das violette Zimmer, ehe eine entscheidende Bewegung gemacht wurde, um ihn aufzuhalten. Dann aber war es Prinz Prospero, der rasend vor Zorn und Scham über seine eigene, unbegreifliche Feigheit die sechs Zimmer durcheilte - er allein, denn von den andern vermochte vor tödlichem Schrecken kein einziger ihm zu folgen. Den Dolch in der erhobenen Hand, war er in wildem Ungestüm der weiterschreitenden Gestalt bis auf drei oder vier Schritte nahe gekommen, als sie, die jetzt das Ende des Samtgemaches erreicht hatte, sich plötzlich zurückwandte und dem Verfolger gegenüberstand. Man hörte einen durchdringenden Schrei, der Dolch fiel blitzend auf den schwarzen Teppich und im nächsten Augenblick sank auch Prinz Prospero im Todeskampf zu Boden.
Nun stürzten mit dem Mute der Verzweiflung einige der Gäste in das schwarze Gemach und ergriffen den Vermummten, dessen hohe Gestalt aufrecht und regungslos im Schatten der schwarzen Uhr stand. Doch unbeschreiblich war das Grauen, das sie befiel, als sie in den Leichentüchern und hinter der Leichenmaske, die sie mit rauhem Griffe packten, nichts Faßbares fanden - sie waren leer ...
Und nun erkannte man die Gegenwart des roten Todes. Er war gekommen wie ein Dieb in der Nacht. Und die Festgenossen sanken einer nach dem andern in den blutbetauten Hallen ihrer Lust zu Boden und starben - ein jeder in der verzerrten Lage, in der er verzweifelnd niedergefallen war. Und das Leben in der Ebenholzuhr erlosch mit dem Leben des letzten Fröhlichen. Und die Gluten in den Kupferpfannen verglommen. Und unbeschränkt herrschte über alles mit Finsternis und Verwesung der rote Tod.
Aus Edgar Allan Poe; 'Die Maske des roten Todes'; Übersetzung von Gisela Etzel; Quelle: Diogenes