Wer war 'Lord Jim' ?
Oder - anders gefragt - gab es eine Person, die der literarischen Gestalt Jim's zugrunde liegt ? Die Basis-Geschichte des Romans führt auf das Schicksal des Pilgerschiffes 'Jeddah' zurück, das von seiner (überwiegend britischen) Mannschaft im Jahr 1880 mit beinahe eintausend Pilgern an Bord verlassen wurde.
An Bord der 'Jeddah' befand sich der damals 28-jährige Augustine Podmore Williams, der erste Offizier des Schiffes. Augustine Podmore Williams wurde am 22. Mai 1852 in Cornwall geboren. Wie Jim arbeitete auch Williams später als Hafenagent 'in einem Hafen des Ostens' (genauer: in Singapore). Auch Williams war der Sohn eines Pastors, hatte vier Brüder, trug üblicherweise weiße Kleidung und hatte blaue Augen. Allerdings könnte man anmerken, dass die meisten Europäer in dieser Region weiße Kleidung trugen und eine blaue Augenfarbe für Engländer oder Holländer keine Seltenheit ist. Hinzu kommt noch die Frage, wann denn Conrad Williams begegnet sein könnte. Vermutlich schon 1883, als er nach dem 'Palestine'-Schiffbruch nach Singapore-kam ? Ein möglicher Platz, an dem Conrad Williams gesehen haben könnte, ist das Restaurant 'Emmerson's' in Singapore, das damals ein zentraler Treffpunkt für alle Leute im Marine-Geschäft war. Oder hatte er ihn erst 1885 kennengelernt, als Conrad in seiner Funktion als 2. Offizier der 'Tilkhurst' Singapore besuchte, möglicherweise aber erst (oder wiederum ?) 1888 als Kapitän der 'Otago' ? Jedenfalls arbeitete Williams für die Firma 'McAlister & Co.' für die nächsten 27 Jahre, heiratete 1883 eine Eurasierin, mit der er sechzehn Kinder hatte, und blieb bis zu seinem Tod in Singapore. Er starb am 17. April 1916, nachdem er sich vier Wochen zuvor bei einem Sturz die Hüfte gebrochen hatte. Fotos von Williams, die etwa in der Zeit vor oder um 1890 entstanden sein müssen, zeigen allerdings einen großen, äußerst korpulenten, triefäugigen Kerl, der Conrad wohl kaum zur Beschreibung Jim's hätte anregen können. Eher für die Definition von Cornelius, doch das war nicht die Frage.
In einem Manuskript (geschrieben um 1898) mit dem Titel 'Tuan Jim. A Sketch' beschreibt Conrad Jim als sehr groß und kräftig. Es mag durchaus sein, dass Conrad in dieser ersten Jim-Geschichte Williams beschrieb, weil er ihn für die 'Nur-Patna-Affäre' für adäquat hielt; es mag aber auch zutreffen, dass er erst während der Niederschrift des vollständigen Romans seine Meinung geändert hatte.
'The earth is so small that I was afraid of, some day, being waylaid by a blear-eyed, swollen-faced, besmirched loafer, with no soles to his canvas shoes, and with a flutter of rags about the elbows, who, on the strength of old acquaintance, would ask for a loan of five dollars.'
Möglicherweise hatte er nach einem neuerlichen Zusammentreffen Jahre später registriert, wie sehr sich Williams zu seinem Nachteil verändert hatte ? In einem Gespräch mit Viola Allen meinte Conrad: '... wondered why a man of that - well - class should be a ship chandler's clerk'. Doch das bezieht sich - wenn überhaupt - auf ein erstes Zusammentreffen in jungen Jahren. Im Buch ist jedenfalls nur mehr von einem Mann die Rede, der 'ein oder zwei Zoll kleiner als sechs Fuß groß' war. Mittlere Größe also. Zumindest zum Zeitpunkt der Entstehung von 'Tuan Jim. A Sketch' (ein Manuskript, das lediglich die ersten Kapitel des Romans abdeckt) scheint sich Conrad also über die äußere Gestalt Jim's noch nicht festgelegt zu haben. (Den Untertitel 'A Sketch' trägt noch der erstmals in Fortsetzungen im 'Blackwood's Magazine' erschienene Roman).
Aber auch der Engländer James Brooke, der so etwas wie der Rajah von Sarawak war, kommt als Jim in Frage.
Eine weitere Person, der Jim nachempfunden sein könnte, war der Geschäftsmann Jim Lingard. Lingard war für sein vornehmes Benehmen allgemein bekannt. Er hatte sich nach dem Zusammenbruch des Kautschuk-Geschäfts in das Innere Borneos begeben und eine Eingeborene geheiratet. Auf die Ausbildung seiner Kinder legte er großen Wert. Seine Söhne dienten später in der britischen Armee und seine Tochter wurde Lehrerin. Lingard wurde üblicherwiese mit 'Tuan Jim' angesprochen. Letztlich dürfte sich Conrad aber auch selbst gezeichnet haben. Conrad war 44 Jahre alt, als er 'Lord Jim' schrieb, er war mit einiger Sicherheit noch nicht alt genug, um nicht selbst als tragischer (jüngerer) Held erscheinen zu wollen. Manche Literaturwissenschafter meinen, Conrad habe seinen Freund und Schriftstellerkollegen Stephen Crane in der Gestalt Jim's beschrieben. Zu einem gewissen Grad mag auch das stimmen. Conrad war um 15 Jahre älter als Crane. Das ist in etwa der Altersunterschied, der zwischen dem Erzähler Marlow und Jim angenommen werden kann. Conrad könnte Crane durchaus als 'guten Jungen' angesehen haben. Viel wichtiger erscheint hier aber die Tatsache, dass Crane am 5. Juni 1900 im Alter von nicht einmal 29 Jahren starb. Im Juni 1900 aber stand Conrad kurz vor der Fertigstellung des Romans. Zumindest das letzte Kapitel (Jim's Tod) ist mit großer Sicherheit vom Tod Crane's beeinflusst. Wahrscheinlich ist, dass Conrad - und das ist das gute Recht eines jeden Schriftstellers - basierend auf mehreren Personen, Bekanntschaften und Erlebnissen die endgültige Gestalt Jim's rein aus seiner Phantasie erschuf. Und warum sollten wir ihm nicht glauben, er habe Jim wirklich 'eines schönen Sommermorgens ... in der gewöhnlichsten Umgebung einer Hafenstadt des Ostens vorübergehen gesehen - einnehmend - bedeutsam - im Zwielicht - vollkommen still ...'