(Nur ein paar Text-Auszüge; Hinweise zu vollständigen Online-Texten weiter unten)


Bei allem, was da wundervoll ist, es ist das Meer, glaube ich, das Meer als solches - oder ist es die Jugend allein ? Wer kann das sagen ? Doch ihr hier - euch allen gab das Leben etwas: Geld, Liebe - was immer man an Land erlangen kann - und, sagt, war das nicht die beste Zeit, damals, als wir jung auf See waren; jung waren und nichts besaßen, auf der See, die nichts gibt, außer harten Püffen - und manchmal einer Gelegenheit, die eigene Kraft zu fühlen - ist es nicht das allein, dem ihr nachtrauert?"
Und wir nickten alle: der Mann der Finanzen, der Mann der Rechnungsbücher, der Mann des Gesetzes, wir alle nickten über dem polierten Tisch, der wie eine Fläche braunen Wassers unsere gefurchten, gerunzelten Gesichter widerspiegelte; unsere Gesichter, die von Mühe, Trug, von Erfolg, von Liebe gezeichnet waren; unsere müden Augen, die noch immer, unentwegt, begierig nach etwas im Leben Ausschau hielten, das, noch während es erhofft wird, schon dahin ist - unbemerkt zerronnen, in einem Seufzer, in einem Nu - zusammen mit der Jugend, mit der Kraft, mit Illusion und Schwärmerei.


Joseph Conrad; Jugend
Copyright S. Fischer Verlag


On my right hand there were lines of fishing stakes resembling a mysterious system of half-submerged bamboo fences, incomprehensible in its division of the domain of tropical fishes, and crazy of aspect as if abandoned forever by some nomad tribe of fishermen now gone to the other end of the ocean; for there was no sign of human habitation as far as the eye could reach. To the left a group of barren islets, suggesting ruins of stone walls, towers, and blockhouses, had its foundations set in a blue sea that itself looked solid, so still and stable did it lie below my feet; even the track of light from the westering sun shone smoothly, without that animated glitter which tells of an imperceptible ripple. And when I turned my head to take a parting glance at the tug which had just left us anchored outside the bar, I saw the straight line of the flat shore joined to the stable sea, edge to edge, with a perfect and unmarked closeness, in one leveled floor half brown, half blue under the enormous dome of the sky. Corresponding in their insignificance to the islets of the sea, two small clumps of trees, one on each side of the only fault in the impeccable joint, marked the mouth of the river Meinam we had just left on the first preparatory stage of our homeward journey; and, far back on the inland level, a larger and loftier mass, the grove surrounding the great Paknam pagoda, was the only thing on which the eye could rest from the vain task of exploring the monotonous sweep of the horizon. Here and there gleams as of a few scattered pieces of silver marked the windings of the great river; and on the nearest of them, just within the bar, the tug steaming right into the land became lost to my sight, hull and funnel and masts, as though the impassive earth had swallowed her up without an effort, without a tremor. My eye followed the light cloud of her smoke, now here, now there, above the plain, according to the devious curves of the stream, but always fainter and farther away, till I lost it at last behind the miter-shaped hill of the great pagoda. And then I was left alone with my ship, anchored at the head of the Gulf of Siam.

Joseph Conrad; The Secret Sharer
Copyright Penguin Books


Der schwerfällige alte Mann, der seine große Stirn wie ein Ochse unterm Joch senkte, machte eine Anstrengung, sich zu erheben, und umklammerte die Feuersteinschloß-Pistolen auf seinen Knien. Ein gurgelnder, erstickter, unmenschlicher Laut drang aus seinem Mund, und seine beiden Diener stützten ihn von rückwärts. Die Leute bemerkten, daß der Ring, den er auf seinen Schoß fallen gelassen hatte, gegen den Fuß des Weißen rollte, und daß der arme Jim auf den Talisman hinabblickte, der ihm das Tor des Ruhms, der Liebe und des Erfolges innerhalb der gischtumkränzten Wälder geöffnet hatte - hinter der Küste, die unter der westlichen Sonne wie das Bollwerk der Nacht erscheint. Doramin, der sich nur mühsam auf den Beinen hielt, bildete mit seinen beiden Helfern eine schwankende, taumelnde Gruppe; seine kleinen Augen hatten den Ausdruck wütenden, wahnsinnigen Schmerzes, funkelten mit einem wilden Blitzen, das die Umstehenden wohl bemerkten; und dann, während Jim starr und mit entblößtem Kopf im Lichtschein der Fackeln stand, hob er, ihm gerade ins Gesicht blickend und sich mit dem linken Arm schwer auf den Nacken eines der gebückten Jünglinge stützend, bedächtig seinen rechten Arm und schoß dem Freund seines Sohnes durch die Brust.
Die Menge, die sich hinter Jim geteilt hatte, sobald Doramin die Hand hob, stürzte nach dem Schuß in wirrem Gedränge vor. Sie sagen, der Weiße habe den Gesichtern links und rechts einen stolzen, standhaften Blick zugeworfen. Dann fiel er mit seiner Hand über den Lippen nach vorn und war tot.
Und das ist das Ende. Er entschwindet im Zwielicht, unergründlich in seinem Herzen, vergessen, unverziehen und unerhört romantisch. Auch in den ausschweifendsten Tagen knabenhafter Visionen hat er die verlockende Gestalt solch außerordentlichen Erfolges nicht sehen können. Denn es mag wohl sein, daß er in dem kurzen Moment seines letzten stolzen und standhaften Blicks das Antlitz jener Gunst des Augenblickswahrnahm, die wie eine Braut des Ostens verschleiert an seine Seite getreten war. Doch wir sehen ihn, einen unbekannten Ruhmesheld, der sich beim Zeichen, beim Ruf seines begeisterten Selbstgefühls aus den Armen einer eifersüchtigen Liebe reißt. Er verläßt eine lebende Frau, um seine erbarmungslose Hochzeit mit einem schattenhaften Tugendideal zu feiern. Ist er zufrieden - ganz, jetzt ? frage ich mich. Wir sollten es wissen. Er ist einer von uns - und bin ich nicht einst aufgestanden, wie ein heraufbeschworener Geist, um mich für seine unverbrüchliche Treue zu verbürgen ? Hatte ich denn nach allem so unrecht ? Jetzt, da er nicht mehr ist, gibt es Tage, an denen mich die Wirklichkeit seines Seins mit einer riesenhaften, unwiderstehlichen Macht überfällt; und doch - bei meinem Ehrenwort - es gibt auch Augenblicke, in denen er mir entschwindet wie ein körperloses Gespenst, das unter den Leidenschaften dieser Erde umherirrt, bereit, sich treu dem Ruf aus seiner Schattenwelt zu stellen. Wer weiß ? Er ist dahin, unergründlich im Herzen, und das arme Mädchen führt ein lautloses, untätiges Dasein in Steins Haus. Stein ist in letzter Zeit sehr alt geworden. Er fühlt es selbst und sagt oft, er "rüste sich, das alles zu verlassen, rüste sich, das alles zu verlassen ...", während er traurig mit der Hand auf seine Schmetterlinge zeigt.


Joseph Conrad, Lord Jim
Copyright S. Fischer Verlag



Der vollständige Original-Text z.B. von 'Lord Jim' ist hier zu finden:
http://www.gutenberg.org/etext/5658

oder auch hier (Internet Archive):
http://www.archive.org/stream/lordjim00conrgoog

Eine ausgezeichnete Plattform für viele Conrad-Texte findet sich hier:
http://ebooks.adelaide.edu.au/c/conrad/joseph/

Text von 'Über mich selbst' (A Personal Record):
http://www.gutenberg.org/etext/687

Vollständige ONLINE-Texte in deutscher Übersetzung findet man u.a. auf:
http://gutenberg.spiegel.de/index.php?id=19&autorid=106&cHash=1

Einen ausführlichen Artikel über die Hintergründe der Jeddah ('Patna')-Geschichte
gibt es hier:
Jeddah_Affair.pdf

Eine überaus fundierte Abhandlung von Bernard J. Paris über die Charaktere von Jim und Marlow und über die Erzähltechnik von Joseph Conrad am Beispiel von 'Lord Jim':

Bernard J. Paris: A psychological approach to fiction; studies in Thackeray, Stendhal, George Eliot, Dostoevsky, and Conrad

Ein interessanter Artikel von Gerlinde Röder-Bolton über Anthony Fothergill's Buch
'Secret Sharers: Joseph Conrad's Cultural Reception in Germany'. Der Artikel stammt von der
englischen Joseph Conrad Society und nimmt auch Bezug auf die großen deutschen Bewunderer
Conrad's wie Thomas Mann und andere (siehe dazu auch die Seite 'Links':)

http://www.josephconradsociety.org/Roder-Bolton%20on%20Fothergill.pdf

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