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Das außergewöhnliche Leben des Joseph Conrad


Sein Vater, Apollo Korzeniowski, war ein gelehrter Mann gewesen. Er hatte in St. Petersburg Literatur und Orientalismus studiert und als glühender Patriot für die Freiheit Polens von der russischen Besatzung gekämpft. Er hatte Werke von Shakespeare und Hugo übersetzt und selbst mehrere Stücke geschrieben. Im Jahr 1856 hatte er Eva Bobrowska geheiratet. Am 3. Dezember des darauffolgenden Jahres war das erste und einzige Kind des Paares in Berdyczew (damals Polen, heute Ukraine) zur Welt gekommen. Sein Name: Jozef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski.
Eine für 1863 geplante Revolte gegen Russland hätte Polen endlich befreien sollen und Apollo Korzeniowski war natürlich an den Vorbereitungen für diesen Aufstand beteiligt gewesen, stets und bedingungslos von seiner loyalen Frau unterstützt. Man war nach Warschau gereist, den kleinen Jozef Teodor an der Hand, und hatte sich in einer Wohnung in der Nowy Swiat einquartiert. Doch die Russen hatten Wind von den Vorbereitungen bekommen und bereits 1861 war Apollo verhaftet und in den berüchtigten Pavillon 10 des Gefängnisses in Warschau gebracht worden.
1862 hatte dann die Gerichtsverhandlung gegen das Paar Korzeniowski stattgefunden. Sie endete mit der Verbannung der beiden nach Nordrussland. Man schob sie nach einigem Gerede schließlich nach Vologda ab.
Der kleine Jozef Teodor Konrad war fünf Jahre alt und folgte seinen Eltern in die Verbannung. Dort, verursacht von einem äußerst ungesunden Klima, wurde der Gesundheitszustand seiner Mutter Eva immer schlechter. 1863 durfte sie mit ihrem Sohn für drei Monate zu ihrer Familie nach Nowochwastow reisen, doch ihre Gesundheit ließ sich nicht mehr herstellen. Sie starb am 18. April 1865 in Tschernigow und hinterließ ihren 45-jährigen Mann und das 7-jährige Kind. Doch auch die Gesundheit des Vaters war schwer angeschlagen. Er reiste mit seinem Sohn nach Lemberg und Krakau, um erneut gegen Russland tätig zu werden. Dort trafen die beiden im Jahr 1869 ein, der Vater bereits deutlich von seiner Krankheit gezeichnet.
Noch immer hielt er verzweifelt an seinen Versuchen fest, die russische Besatzung zu untergraben.  Am 23. Mai 1869, im Alter von 49 Jahren, starb auch er, wie seine Frau Eva an Tuberkulose.
Mit elf Jahren war der kleine Jozef Teodor Konrad Nalecz zum Waisen geworden.

Anfangs kümmerte sich seine Großmutter, Teofila Bobrowska, um den Buben, später wurde sein Onkel Tadeusz Bobrowski zu seinem Vormund und Mentor. Ein Mann, über den er später schreiben sollte: '... ein Mann von Charakterstärke und ungewöhnlichen geistigen Gaben; seiner Sorge, Hingabe und seinem Einfluss verdanke ich die guten Eigenschaften, die ich vielleicht besitze.'
Jozef Teodor Konrad galt in der Schule in Krakau und Lemberg als schwieriges Kind. Er war am Unterricht nicht sonderlich interessiert und beteuerte stets, ohnedies bald ein prominenter Schriftsteller zu sein. Der Geographie-Unterricht jedoch gefiel ihm. Er tastete mit seinen Fingern vorsichtig über den Schulatlas. Die weißen Stellen in Afrika - das unbekannte Land. Dorthin wollte er ! Das sah richtig gut und interessant aus. Kurze Zeit später brachte er seinen Plan vor, Seemann zu werden, was seinem Onkel Tadeusz anfangs so gar nicht gefallen wollte. Schließlich gab er aber dem Drängen des knapp 17-jährigen nach, hielt eine jährliche Unterstützung von 600 Rubel für den Jugendlichen für angemessen und setzte ihn in den Zug nach Marseille.
Jozef Teodor Konrad hatte sich erst einmal durchgesetzt. Mehr als zwanzig Jahre später sollte er aus seinem ersten und dritten Vornamen den Künstlernamen kreieren, unter dem er heute weltbekannt ist: Joseph Conrad. Aber jetzt ? Jetzt lockte das Abenteuer.

Die nächsten knapp zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er als Seemann. Doch vorerst konnte ein wenig Unterhaltung nicht schaden. Nach kurzen Ausflügen ging's abends meist ins 'Café de l'Univers' in Marseille. Conrad genoss die weltmännische Atmosphäre dieser Stadt. Aber weder diese Atmosphäre noch das Café brachten Geld. Ganz im Gegenteil.
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Links: Apollo Korzeniowski; Mitte: Eva Korzeniowska; Rechts: Jozef Teodor Konrad 1863
Frankly, it is not my words that I mistrust but your minds. I could be eloquent were I not afraid you fellows had starved your imaginations to feed your bodies. I do not mean to be offensive; it is respectable to have no illusions — and safe — and profitable — and dull.

Joseph Conrad 'Lord Jim'