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Links: Conrad um 1880; Mitte: Conrad auf See; Rechts: Paula de Somoggy
Conrad; Seite 2


Ach ja, er wollte ja Seemann werden. Im Dezember 1874 reiste er daher mit dem Schiff 'Mont Blanc' in die Karibik, eine weitere Reise als Leichtmatrose auf demselben Schiff folgte im nächsten Jahr. Als Steward fuhr fuhr er schließlich 1876 auf der 'Saint Antoine' nach Martinique und Haiti.
Es könnte sein, dass er kurze Zeit später sogar als Waffenschmuggler für die Carlisten und deren Anführer, den 1848 in Laibach geborenen Don Carlos de Borbôn, einem der Anwärter auf den spanischen Thron, tätig war. Dann gibt's auch eine entzückende Geschichte, die von seiner Liebe zu einer jungen Ungarin namens Paula de Somoggy berichtet, die eigentlich Don Carlos versprochen war, und von einem Duell mit dem aufmüpfigen Amerikaner John Blunt.

Wahrscheinlicher klingt die Geschichte, wie sie Tadeusz Bobrowski schildert: Er berichtet, Conrad habe seinem ehemaligen Kapitän Duteil 3000 Francs (das Reisegeld von Tadeusz) übergeben, um Gewinne zu machen. Mr. Duteil dürfte sich allerdings nach Südamerika abgesetzt haben. Dann hatte sich Conrad Geld entweder von seinem deutschen Freund Richard Fecht oder von anderen Geldgebern geborgt, war damit ins Spielcasino nach Monte Carlo gefahren und hatte alles verloren. In seiner Verzweiflung dürfte er versucht haben, sich in Marseille das Leben zu nehmen. Fest steht, er wurde mit einem glatten Durchschuss seiner Brust in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Kugel hatte jedoch offenbar kein wichtiges Organ verletzt. Onkel Tadeusz war herbeigeeilt, um seinen Neffen und die Situation zu retten. Er erhöhte sogar die jährlichen Zuwendungen auf 950 Rubel und fragte nicht weiter nach. Sein Neffe war ja jung, gerade einmal 20 Jahre alt. Jedenfalls war die Situation für Conrad in Frankreich kritisch geworden. Neben dieser wahrscheinlichen Schuldengeschichte war jetzt auch der französische Staat hinter ihm her: Er besaß nämlich keine offizielle Aufenthaltserlaubnis. Was also tun ? Zum Glück gab's ja die britische Handelsmarine, 'wo es nicht solche Formalitäten gibt wie in Frankreich'.

An Bord der britischen 'Mavis' kam er nach Istanbul und von dort nach Lowestoft, dem Heimathafen der 'Mavis'. Hier betrat Conrad 1878 erstmals englischen Boden.
Viele Schiffe folgten: Die 'Skimmer of the Seas' nach Newcastle, der Clipper 'Duke of Sutherland' nach Australien. Conrad lernte bereits fleißig für seine Offiziers-Prüfungen. Er wollte sich selbst beweisen. Er wollte es auch seinem Onkel beweisen. Ich bin entschlossen. Ich wanke nicht. Ich bin Seemann.

Er eignete sich auch die englische Sprache sehr schnell an, obgleich er zeitlebens einen starken Akzent behalten sollte. Auch dürfte er sich bereits mit englischer Literatur beschäftigt haben. Er, der gebürtige Pole, der bereits seit seiner frühen Jugend perfekt Französisch sprach, versuchte sich nun in seiner zweiten Fremdsprache. Einer Sprache, in der er später Weltliteratur schreiben sollte. Die 'Loch Etive' brachte ihn 1880 wieder nach Australien, bereits in der Position des Dritten Offiziers, dann war er ab 1881 Zweiter Offizier auf der 'Palestine'. Das Schiff war für Bangkok bestimmt, sollte dort allerdings nie ankommen, weil die aus Kohle bestehende Ladung in der Bangka-Straße östlich von Sumatra zu brennen begonnen hatte. Man hatte noch versucht, einen Teil der Kohle über Bord zu schaufeln. Nachdem sich das Feuer weiter ausbreitete und praktisch das ganze Schiff in Feuer stand, musste es endgültig aufgegeben werden. Die Mannschaft, darunter Conrad, konnte sich mit dem Rettungsboot in einer 12-stündigen Fahrt in den Hafen von Muntok auf Bangka-Island retten. Dieses Ereignis im März 1883 sollte Conrad's erster intensiver Kontakt mit 'dem Osten' sein, einer Gegend, die seine späteren Romane und Geschichten bestimmen sollte.
Im Dezember 1884 bestand er seine Prüfungen zum Ersten Offizier, 1886 wurde er britischer Staatsbürger und im November desselben Jahr schaffte er die Prüfung zum Kapitän der britischen Handelsmarine.