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Der schwerfällige alte Mann, der seine große Stirn wie ein Ochse unterm Joch senkte, machte eine Anstrengung, sich zu erheben, und umklammerte die Feuersteinschloß-Pistolen auf seinen Knien. Ein gurgelnder, erstickter, unmenschlicher Laut drang aus seinem Mund, und seine beiden Diener stützten ihn von rückwärts. Die Leute bemerkten, daß der Ring, den er auf seinen Schoß fallen gelassen hatte, gegen den Fuß des Weißen rollte, und daß der arme Jim auf den Talisman hinabblickte, der ihm das Tor des Ruhms, der Liebe und des Erfolges innerhalb der gischtumkränzten Wälder geöffnet hatte - hinter der Küste, die unter der westlichen Sonne wie das Bollwerk der Nacht erscheint. Doramin, der sich nur mühsam auf den Beinen hielt, bildete mit seinen beiden Helfern eine schwankende, taumelnde Gruppe; seine kleinen Augen hatten den Ausdruck wütenden, wahnsinnigen Schmerzes, funkelten mit einem wilden Blitzen, das die Umstehenden wohl bemerkten; und dann, während Jim starr und mit entblößtem Kopf im Lichtschein der Fackeln stand, hob er, ihm gerade ins Gesicht blickend und sich mit dem linken Arm schwer auf den Nacken eines der gebückten Jünglinge stützend, bedächtig seinen rechten Arm und schoß dem Freund seines Sohnes durch die Brust.
Die Menge, die sich hinter Jim geteilt hatte, sobald Doramin die Hand hob, stürzte nach dem Schuß in wirrem Gedränge vor. Sie sagen, der Weiße habe den Gesichtern links und rechts einen stolzen, standhaften Blick zugeworfen. Dann fiel er mit seiner Hand über den Lippen nach vorn und war tot.
Und das ist das Ende. Er entschwindet im Zwielicht, unergründlich in seinem Herzen, vergessen, unverziehen und unerhört romantisch. Auch in den ausschweifendsten Tagen knabenhafter Visionen hat er die verlockende Gestalt solch außerordentlichen Erfolges nicht sehen können. Denn es mag wohl sein, daß er in dem kurzen Moment seines letzten stolzen und standhaften Blicks das Antlitz jener Gunst des Augenblickswahrnahm, die wie eine Braut des Ostens verschleiert an seine Seite getreten war. Doch wir sehen ihn, einen unbekannten Ruhmesheld, der sich beim Zeichen, beim Ruf seines begeisterten Selbstgefühls aus den Armen einer eifersüchtigen Liebe reißt. Er verläßt eine lebende Frau, um seine erbarmungslose Hochzeit mit einem schattenhaften Tugendideal zu feiern. Ist er zufrieden - ganz, jetzt ? frage ich mich. Wir sollten es wissen. Er ist einer von uns - und bin ich nicht einst aufgestanden, wie ein heraufbeschworener Geist, um mich für seine unverbrüchliche Treue zu verbürgen ? Hatte ich denn nach allem so unrecht ? Jetzt, da er nicht mehr ist, gibt es Tage, an denen mich die Wirklichkeit seines Seins mit einer riesenhaften, unwiderstehlichen Macht überfällt; und doch - bei meinem Ehrenwort - es gibt auch Augenblicke, in denen er mir entschwindet wie ein körperloses Gespenst, das unter den Leidenschaften dieser Erde umherirrt, bereit, sich treu dem Ruf aus seiner Schattenwelt zu stellen. Wer weiß ? Er ist dahin, unergründlich im Herzen, und das arme Mädchen führt ein lautloses, untätiges Dasein in Steins Haus. Stein ist in letzter Zeit sehr alt geworden. Er fühlt es selbst und sagt oft, er "rüste sich, das alles zu verlassen, rüste sich, das alles zu verlassen ...", während er traurig mit der Hand auf seine Schmetterlinge zeigt.

Joseph Conrad, Lord Jim




'Mit so vielen Bäumen in der Stadt konnte man Tag für Tag den Frühling kommen sehen, bis ihn eine Nacht mit warmem Wind eines Morgens plötzlich brachte. Manchmal schlugen ihn die kalten, schweren Regenschauer zurück, sodass es schien, als ob er nie kommen würde, und dass du eine Jahreszeit aus deinem Leben verlieren würdest. Das war die einzige wirklich traurige Zeit in Paris, weil sie unnatürlich war. Man rechnete damit, im Herbst traurig zu sein. Ein Teil von dir starb jedes Jahr, wenn die Blätter von den Bäumen fielen und die Äste kahl im Wind und im kalten, winterlichen Licht standen. Aber du wusstest, dass es immer wieder Frühling werden würde, genau wie du wusstest, dass der Fluss, nachdem er zugefroren war, wieder fließen würde. Wenn die kalten Regenschauer anhielten und den Frühling töteten, war es, als ob ein junger Mensch grundlos gestorben war.
In jenen Tagen kam der Frühling schließlich immer wieder, aber es war beängstigend, dass er beinahe ausgeblieben wäre.'

Ernest Hemingway, Menschen an der Seine, aus: Paris - Ein Fest fürs Leben







Mein Vetter Aslan gehörte zu den Burschen, die ein Motorrad hatten. Er stammte aus dem gewöhnlichen Zweig der Sippe Garoghlanian. Eines Tages setzte er sich auf sein Motorrad, fuhr davon und blieb zwei Monate fort. Zu der Zeit war er siebzehn. Als er zurückkam, saß ein junges Mädchen hinter ihm auf dem Motorrad, das er jedermann vorstellte. "Das ist Peg, meine Frau", sagte er. Peg stammte aus Irland. Ich weiß nicht, wo er sie aufgegabelt hatte, aber es muss wohl in San Francisco gewesen sein.
Aslan hatte keine nennenswerte Bildung und keinerlei besondere Begabung; ein gutes Herz war alles, was er besaß. Alle waren begeistert von Peg, und sie war es auch von allen.
Ich habe keine genaue Erinnerung an Peg, ich weiß nur noch, dass sie sehr lebhaft war und gerne lachte. Sie und Aslan pflegten zu Hause zu sitzen und die ganze Zeit über zu lachen. Aslan hatte ein richtig lautes Lachen, bei dem man sich ordentlich freute, am Leben zu sein, und gleichzeitig schrecklich traurig wurde, irgendwo tief drinnen. Die zwei machten nichts weiter, saßen nur einfach im Wohnzimmer, und plötzlich begannen sie beide zu lachen. Es war herrlich. Aslan war sehr schön dunkelhaarig und seine junge Frau war so blond wie nur was, mit Augen, an denen man sich nicht satt sehen konnte, so blau und so freundlich und gütig waren sie.
"Ich glaube, ich musste mich einfach verlieben in sie", sagte Aslan.
All die Monate, in denen Peg schwanger war, saßen sie im Wohnzimmer beisammen, wenn er nach der Arbeit in der Konservenfabrik nach Hause kam, und füllten den Raum mit ihrem Lachen.
Dann kriegte seine junge Frau das Kind. Sie starb dabei, und das Kind lebte, und Aslan weinte nicht. Er war der einzige, der nicht weinte. Alle anderen wären beinahe vor Kummer gestorben.
Aslan starb wirklich daran, deshalb weinte er nicht.
Als alles vorbei war und das Kind bei seiner Großmutter untergebracht war, setzte er sich auf sein Motorrad und fuhr davon. Er blieb ein Jahr weg. Als er zurückkam, war er breiter und härter und sehr ruhig geworden. Er war in Südamerika gewesen.
Er kam, um das Kind zu sehen. Es war genau wie seine Mutter. Er konnte es nicht ertragen, in der Nähe des Kindes zu bleiben. Er nahm es nie in die Arme, sondern stand nur da und sah es an. Er sah es eine Woche lang an und ging dann wieder fort. Diesmal blieb er anderthalb Jahre weg. Als er zurückkam, war Krieg, und er sagte, er wolle sich freiwillig melden. Er sprach mit dem kleinen Mädchen auf armenisch, dann ging er in die Stadt und trat in die Armee ein. Er schrieb niemandem, aber als der Krieg aus war, dachten wir alle, er würde nach Hause kommen und das kleine Mädchen besuchen; aber er kam nicht. Nach zwei Jahren dachten wir, dass er möglicherweise gefallen sei. Aber als wir deswegen nach Washington schrieben, hieß es, man wisse zwar nichts über Aslan's genaues Schicksal, aber es gebe keinen Hinweis darauf, dass er tot sei.

Das setzte am anderen Morgen eine ordentliche Strafpredigt für mich von Miss Watson über meine schmutzigen Kleider. Die Witwe aber, die zankte gar nicht, sondern putzte nur den Schmutz und den Lehm weg und sah so traurig dabei aus, dass ich dachte, ich sollte eine Weile brav sein, wenn ich's fertigbringen würde. Dann nahm mich Miss Watson mit in ihr Zimmer und betete für mich, aber ich spürte nichts davon. Sie sagte mir, ich solle jeden Tag ordentlich beten, und um was ich bete, das würde ich bekommen. Das glaub ein anderer. Ich nicht. Ich hab's probiert, aber was kam dabei heraus? Einmal kriegte ich wohl eine Angelrute, aber keine Haken dazu, und ich betete und betete drei- oder viermal, aber die Haken kamen nicht. Da bat ich Miss Watson, es für mich zu tun, die wurde aber böse und schimpfte mich einen Narren. Warum weiß ich nicht, sie sagte es mir nicht, und ich selbst konnte es nicht herausfinden.
Ich habe dann lange im Wald gesessen und darüber nachgedacht. Sag' ich zu mir selber: Wenn einer alles bekommen kann, um was er betet, warum bekommt dann der Nachbar Winn sein Geld nicht zurück, das er mit seinen Schweinen verloren hat? Und die Witwe ihre silberne Schnupftabakdose, die ihr gestohlen wurde? Und warum wird die dürre Miss Watson nicht dick? Nein, sage ich zu mir, da ist nichts dran, das ist Dunst. Und ich ging zur Witwe und sagte es ihr, und die belehrte mich, man könne nur um geistliche Gaben beten. Da das viel zu hoch für mich war, so versuchte sie, mir's deutlich zu machen. Ich müsse brav und gut sein und den anderen helfen, wo ich könne, und nicht an mich, sondern immer nur an die anderen denken. Damit war auch Miss Watson gemeint, wie mir's schien. Ich ging hinaus in den Wald und überlegte mir die Sache noch einmal. Aber, meiner Seel', dabei kommt nur was für die anderen heraus und gar nichts für mich, und so ließ ich denn das Denken sein und quälte mich nicht länger damit. Zuweilen nahm mich die Witwe vor und erzählte mir von der gütigen, milden Vorsehung, die es so gut mit dem Menschen meine und wie sie sich meiner in Gnaden erbarmen wolle, bis mir der Mund wässerte und die Augen nass wurden. Nachher kam wieder Miss Watson und ließ ihre Vorsehung donnern und blitzen, dass ich mich ordentlich duckte und den Kopf einzog. Es muß zwei Vorsehungen geben, dachte ich mir, und ein armer Kerl wie ich hat's sicher bei der Witwe ihrer besser, denn bei Miss Watson's ihrer ist er verloren. So dachte und dachte ich und nahm mir vor, zu der Witwe ihrer Vorsehung zu beten, wenn die sich überhaupt aus so einem armen, unwissenden und elenden Kerl, wie ich einer bin, etwas macht und sich nicht viel wohler fühlt ohne mich.

Mark Twain; Die Abenteuer des Huckleberry Finn


Ich liebe die Nacht aus tiefster Seele, wie man seine Heimat oder seine Geliebte liebt, instinktiv, unbezwinglich. Ich liebe sie mit allen Sinnen, mit meinen Augen, die sie durchdringen, mit meinem Geruchssinn, der sich an ihrem Duft entzückt, mit meinem Gehör, das ihr Schweigen in sich aufnimmt, mit meinem Tastsinn, wenn die Dunkelheit meine Haut zärtlich streift. Die Lerchen singen bei Sonnenaufgang in der warmen, leichten, blauen Luft des hellen Morgens. Die Eule fliegt in der Nacht. Als dunkler Schatten eilt sie durch den düsteren Raum und das unendliche Dunkel berauscht sie, dass sie wolllüstig ihren unheilbedeutenden, gellen Schrei ausstößt. Der Tag macht mich müde und matt. Er ist so gemein, so laut; mühselig stehe ich auf, kleide mich lässig an, mit Unlust gehe ich aus, und jeder Schritt, jede Bewegung, jedes Wort, jeder Gedanke macht mich müde, als müsste ich ein erdrückendes Gewicht heben.
Aber wenn die Sonne untergeht, durchströmt mich unbestimmte Freude. Ich werde munter, werde lebhaft und je dunkler es wird, desto angeregter fühle ich mich, desto kräftiger, beweglicher, glücklicher. Ich sehe, wie der große, süße Schatten vom Himmel niedersinkt, wie er die Städte umfängt gleich einer undurchdringlichen Flut von allen Seiten, wie er die Farbe, die Formen erwürgt und verschluckt, wie er die Häuser, die Wesen, die Gebäude einhüllt mit seinem tiefen Dunkel.
Dann überkommt mich die Lust, zu schreien wie eine Nachteule, auf den Dächern hin zu schleichen gleich einer Katze, und eine gebieterische, unüberwindliche Begierde nach Liebe entzündet mein Blut. Dann irre ich manchmal durch die dunklen Vorstädte dahin, manchmal durch die Wälder in der Nähe von Paris, wo um mich herum meine Geschwister, die Tiere und die Wilddiebe schleichen.

Guy de Maupassant, Die Nacht - ein Traumgesicht

Texte; Seite 2:
Dann, eines Tages im Jahr 1923, kam er zurück und entschuldigte sich dafür, dass er nicht geschrieben hatte oder früher nach Hause gekommen war.
"Ich weiß auch nicht, woran es gelegen hat", sagte er. "Ich musste eben immer gerade irgendwohin."
Er saß mit allen zusammen im Wohnzimmer, vier Minuten nach seiner Rückkehr, und redete rasch und viel, und alle freuten sich, ihn zu sehen. Dann fragte er nach dem kleinen Mädchen, und seine Mutter sagte ohne größere Umschweife, dass es tot war.
Er schien es ohnehin schon zu wissen.
Er blieb einfach sitzen. Er sagte nichts. Er zündete sich eine Zigarette an und rauchte, und dann kamen die Tränen. Seinen Lippen sah man nicht an, dass er weinte, aber die Tränen strömten lange aus seinen Augen, bestimmt fünf Minuten. Alle verließen das Wohnzimmer, nur ich nicht.
Ich war fünfzehn, und mir fiel wieder ein, wie alles gewesen war.
Ich erinnerte mich daran, wie er mit Peg gelacht hatte, an die Art ihrer Augen, was für ein fröhliches Mädchen sie gewesen war, wie verrückt er nach ihr gewesen war und wie verrückt sie nach ihm, und was für ein Abenteuer es gewesen war, dass sie ein Kind haben sollten.
Als er das erste Mal gegangen war, hatte ich gefragt: "Aber wo wird er hingehen? Wo geht ein Mann hin, wenn so etwas geschieht?"
Jetzt saß er im Sessel und rauchte seine Zigarette und ließ die Tränen aus dem verrückten Schmerz in seinem Blut strömen und über die Wangen hinunterlaufen. Schließlich stand er auf und sagte auf armenisch: "Ich weiß nicht." Er schüttelte den Kopf und sagte: "Woher soll ich es wissen?" Er schüttelte den Kopf, ging im Zimmer umher, berührte verschiedene Gegenstände und sagte: "Ich weiß nicht."

William Saroyan; Der junge Ehemann und Vater (aus: Der erste Sommertag; Erzählungen)
Copyright S. Fischer Verlag